Die Alchemie des Geldes
Neue Erkenntnisse zu einem uralten Phänomen
Nehmen Sie einmal an, ein Freund würde Sie wählen lassen zwischen
einem 20 DM-Schein und einem Stück Papier mit der Aufschrift »Ich verspreche,
dem Inhaber dieses Papiers 20 DM zu bezahlen«. Welches von beiden würden
Sie einstecken? Vielleicht kennen Sie Ihren Freund als ehrlichen und vertrauenswürdigen Menschen. Aber wenn Sie versuchen, den Zettel im Haushaltswarengeschäft gegen einen neuen Gartenschlauch einzutauschen, werden die Verkäufer nicht mitmachen. Sogar wenn die Verkäufer Ihren Freund ebenfalls kennen, werden sie daran zweifeln, daß sie ihre Lieferanten mit seiner Quittung bezahlen können. So nehmen Sie natürlich lieber den 20 DM-Schein, denn lebenslange Erfahrung hat Sie gelehrt, daß der 20 DM-Schein von jedermann als Gegenwert von 20 DM akzeptiert wird. Sie haben die feste Überzeugung - und das ist der Schlüssel bei der Sache - nicht daß die Banknote 20 DM wert ist, sondern daß jeder andere den Wert von 20 DM anerkennen wird. Es spielt im Grunde keine Rolle, was Sie über Ihr Geld denken, Sie wissen jederzeit, Sie können es ausgeben. Sie glauben, daß jeder andere glaubt, das Geld habe einen bestimmten Wert. Wir sprechen hier über eine »Überzeugung von einer Überzeugung«.
Überzeugung und soziale Übereinkunft sind mächtig und praktisch
unzerstörbar. In der Geschichte gibt es eine Fülle von Beispielen, daß
Menschen lieber Folter und Tod gewählt haben, als ihre Überzeugungen aufzugeben.
Wir wissen auch, daß jemand hartnäckig an einer Überzeugung festhalten kann,
selbst wenn er mit reichlich Beweisen für das Gegenteil konfrontiert wird. Glauben
und Überzeugung spielen somit eine beeindruckende Rolle in der menschlichen Psyche.
Eine »Überzeugung von einer Überzeugung« ist indes etwas vollkommen
anderes. Sie ist zerbrechlich und flüchtig. Mag sein, daß nichts meine Überzeugung
erschüttern kann, aber meine Überzeugung von Ihrer Überzeugung kann
durch ein Gerücht ausgehöhlt werden, durch eine unbestimmte Ahnung, ein
Gefühl. Zudem ist eine Kette von Überzeugungen über Überzeugungen
nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Wenn ich denke, daß jemand am
unteren Ende der Welt den Glauben an den mexikanischen Peso, den thailändischen
Baht oder den russischen Rubel verloren hat, dann fürchte ich, daß es mit
seinen Nachbarn bald genauso gehen könnte. Als Folge kann das ganze Kartenhaus
zusammenfallen, wie es in Mexiko 1994 passierte, in Thailand Ende 1997 und in
Rußland im August 1998.
Das Spiel mit dem Geld ist, kurz gesagt, genau wie das Orakel in der griechischen
Antike ein Spiel mit Glauben und Vertrauen. Wenn der Kaiser keine Kleider anhat
(d. h., wenn eine »Vertrauenskrise« droht), hoffen die Eingeweihten
inständig, daß kein argloser Bursche eine unvorsichtige Bemerkung machen wird.
In solchen Situationen hilft eine Fassade von erhabenen Vertrauen, Mysterium,
Etikette und Ritualen, die lange und zerbrechliche Kette der Überzeugungen
intakt zu erhalten.
Bankgeld
Jede Deutsche Mark, jeder Euro und jede andere in Umlauf befindliche nationale
Währung hat als Bankdarlehen begonnen. Wenn Sie z. B. die Bedingungen
für eine Hypothek über 100 000 Euro erfüllen, die Sie für einen
Hauskauf brauchen, überträgt die Bank einen Kredit in dieser Höhe
auf Ihr Konto und schafft diese 100 000 Euro buchstäblich aus dem Nichts. Dies
ist die wahre Geburtsstunde des Geldes. Natürlich sind solche Darlehen üblicherweise
durch einen Vermögenswert wie ein Haus, ein Auto, eine Bürgschaft o. dgl. gesichert.
Sobald Sie den Kredit haben, können Sie den Betrag wiederum auf das Konto des
Hausverkäufers überweisen; und so zirkuliert das Geld immer weiter, bis eines
Tages jemand ein Darlehen zurückbezahlt. Dann verschwindet das Geld, kehrt es wieder
in das Nichts zurück, aus dem es geschaffen wurde.
Darum ist Papiergeld in der Tat »der Teil der Staatsschuld, auf den keine Zinsen
bezahlt werden«, wie es die Radcliff Commission des britischen Parlaments einmal
zusammengefaßt hat.1 Dieser einfache Vorgang der Geldschöpfung wird im
Englischen mit dem passenden, aus dem Lateinischen abgeleiteten Begriff fiat money
(»Fiat«-Geld ohne Edelmetalldeckung) bezeichnet. Fiat lux, »Es werde
Licht, waren nach der Genesis die ersten Worte, die Gott sprach. Weiter heißt es:
»Und es wurde Licht. Gott sah, daß das Licht gut war.« Wir haben es hier
mit der wahrhaft gottähnlichen Funktion zu tun, etwas aus nichts (ex nihilo) durch die
Kraft des Wortes zu schaffen.
Bewohner der Insel Yap mit Geldsteinen. Die hier präsentierten "Münzen"
sind eher als "Kleingeld" einzustufen. Viele Steine sind mehr als mannshoch, einzelnen erreichen
einen Durchmesser von vier Metern.
Kein Wunder, daß Sie sich womöglich beklommen fühlen, wenn Sie
das nächste Mal bei Ihrer Bank in aller Bescheidenheit einen Kreditantrag stellen!
Genau wie der Zauberer, der ein Taschentuch über dem Hut schwenkt, bevor er das
Kaninchen herauszieht, braucht auch der Verantwortliche bei der Bank einen Schleier.
Im Vorgang der Schaffung von Geld wird Ihre Aufmerksamkeit auf langweilige technische
Details gelenkt, womöglich auf die Mechanismen, die den Wettbewerb um Kundengelder
zwischen den Banken fördern sollen, auf Mindestreservevorschriften und die Rolle
der Zentralbank bei der Feineinstellung der Ventile des Systems. Diese technischen
Einzelheiten haben alle ihre sinnvolle Bestimmung (genau wie das Taschentuch des Zauberers),
aber sie regeln nur, wieviel ungedecktes Geld eine jede Bank schaffen kann (wie viele
Kaninchen aus welchem Hut gezaubert werden können).
Besonders einfallsreich an dem Ablauf, der bis ins spätviktorianische England
zurückverfolgt werden kann, ist die Tatsache, daß auf diese Weise Gesellschaften
den scheinbaren Widerspruch zwischen zwei Zielen lösen können: Nationalstaaten
zusammenschweißen sowie stärken und zugleich die individuelle Initiative und
den Wettbewerb zwischen den Staaten ausnutzen. Vor allem ist dieses Verfahren eine
bequeme Möglichkeit, die Geldschöpfung der Landeswährung zu
privatisieren (was theoretisch eine öffentliche Aufgabe ist) in der Form eines
Privilegs des Bankensystems insgesamt, während zugleich der Wettbewerbsdruck
auf die einzelnen Banken erhalten bleibt, möglichst viel Einlagen von Kunden einzusammeln.
Die Geldschöpfung durch die Banken hat noch einen sehr wichtigen inhärenten
Aspekt, Jackson und McConnell haben dies in der Formel zusammengefaßt:
»Giralgeld verdankt seinen Wert der Tatsache, daß es im Verhältnis zu
seinem Nutzen knapp ist.«2 Mit anderen Worten: Damit ein auf Bankdarlehen
gegründetes Währungssystem ohne Edelmetalldeckung überhaupt
funktioniert, muß Knappheit künstlich erzeugt und systematisch eingeführt
und erhalten werden. Dies ist einer der Gründe, warum unser heutiges
Währungssystem nicht selbstregulierend ist, sondern aktive Zentralbanken
braucht, die für Knappheit sorgen. Man kann sogar sagen, daß die
Zentralbanken miteinander wetteifern, ihre jeweilige Währung international
möglichst stark zu verknappen. Mit Hilfe der Knappheit wird der relative Wert erhalten.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß es noch andere Arten von Währungen
gibt, sog. »wechselseitige Kreditsysteme«3, die eher selbstregulierend sind als
nationale Währungen und deren Wert durch die Güter und Dienstleistungen
gewährleistet ist, für die sie innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft stehen.
Solche Währungen können in ausreichender Menge verfügbar sein
und erfordern keine künstlich erzeugte Knappheit.
Die Alchemie des Geldes
Die Alchemie des modernen Geldes (oder mit der offiziellen Bezeichnung der
»Geldmengenmultiplikator«) beginnt damit, dass, sagen wir, 100 Millionen
»Zentralbankgeld« in das Bankensystem eingeschossen werden, z.B. weil die
Zentralbank Rechnungen der Regierung in dieser Höhe begleichen muß.
Diese Mittel werden schließlich von den Empfängern irgendwo im Bankensystem
hinterlegt, und das ermöglicht der Bank, die eine solche Einlage erhalten hat, irgend
jemandem ein Darlehen über 90 Millionen zu geben (die restlichen 10 Millionen
werden »stillgelegte Mittel«). Das Darlehen über 90 Millionen wird
wiederum eine Einlage in entsprechender Höhe erbringen, damit ist die nächste
Bank in der Lage, ein weiteres Darlehen über 81 Millionen zu vergeben - usw. Auf diese
Weise können auf dem Weg durch das Bankensystem aus den ursprünglich
100 Millionen der Zentralbank 900 Millionen als »Kreditgeld« entstehen.
Geheimnis des modernen Geldes
Das Geheimnis bei der Schaffung von Geld besteht darin, die Menschen dazu zu bringen,
daß sie die Aussage »Ich schulde dir etwas« (das Versprechen, in der Zukunft zu
zahlen) als Tauschmittel akzeptieren. Wer immer diesen Trick beherrscht, kann aus dem Vorgang
ein Einkommen ziehen (im Mittelalter die Gebühren des Goldschmieds, heute die Zinsen auf
das Darlehen, aus dem das Geld entsteht).
Nachdem der Nationalstaat die maßgebliche Macht geworden war, schlossen die Regierungen
und das Bankensystem einen Handel ab. Das Bankensystem erhielt das Recht, Geld als
»gesetzliches Zahlungsmittel« in Umlauf zu bringen, und im Gegenzug verpflichtete
es sich, jederzeit finanzielle Mittel in der von der Regierung benötigten Höhe zur
Verfügung zu stellen. Die älteste überlieferte Vereinbarung dieser Art ist die
Lizenz der »Bank der Reichsstände« in Schweden aus dem Jahr 1668
(1867 wurde der Name in »Riksbank« geändert, und so heißt die
schwedische Zentralbank bis heute).
Das schwedische Modell wurde ein Jahrzehnt später in Großbritannien mit der
Gründung der Bank of England (1688) kopiert, und von dort aus verbreitete es sich
über die ganze Welt. Die kleine alte Dame aus der Threadneedle Street, wie die
englische Zentralbank in der Londoner City heißt, »ist in jeder Hinsicht für
das Geld, was der Petersdom für den christlichen Glauben darstellt. Und der Ruf ist
wohlverdient, denn der größte Teil der Kunst des Umgangs mit Geld, einschließlich
aller ihrer geheimnisvollen Elemente, nahm von hier seinen Ausgang.«4
Eine Zentralbank nimmt jede Staatsanleihe, die die Öffentlichkeit nicht kauft, entgegen und
stellt im Gegenzug einen Scheck über die entsprechende Summe aus. Der Scheck
deckt die Ausgaben der Regierung, und die Empfänger lösen sie auf ihre eigenen
Bankkonten ein. An dieser Stelle kommen die geheimnisvollen »Mindestreserven« ins
Spiel. Jede Bank kann für jede Einlage, die sie entgegennimmt, neues Geld ausgeben,
hauptsächlich in Form eines Darlehens an einen Kunden, wobei das Darlehen bis zu
90 Prozent des Werts der Einlage ausmachen darf.
Das neue Darlehen beispielsweise eine Hypothek, damit Sie ein Haus kaufen können
hat zur Folge, daß der Verkäufer des Hauses irgendwo im Bankensystem eine neue
Einlage tätigt. Im Gegenzug darf die Bank, die die Einlage erhält, ein weiteres
Darlehen über 90 Prozent der neuen Einlage gewähren, und so fließt die
Kaskade über Einlagen und Darlehen durch das Bankensystem. Was als Scheck der
Zentralbank über 100 Millionen begonnen hat (sog. Zentralbankgeld), erlaubt auf dem
Weg durch die Geschäftsbanken die Schaffung von weiteren 900 Millionen in Form von Darlehen.
Wenn Sie diese »Alchemie des Geldes« verstanden haben, haben Sie bereits das
tiefste Geheimnis unseres Geldwesens gelüftet.
Durch dieses Zusammenspiel wird der Handel zwischen den Regierungen und dem
Bankensystem umgesetzt, und deshalb steht hinter »Ihrem« Geld letztlich das
gesamte Bankensystem Ihres Landes. Geld und Schulden sind somit buchstäblich die
beiden Seiten einer Münze. Wenn wir alle schlagartig unsere sämtlichen
Schulden zurückzahlen müßten, würde das Geld aus unserer Welt
verschwinden, weil der gesamte Prozeß der Schaffung des Geldes weiter oben
beschrieben als »Alchemie des Geldes« sich damit umkehrte.
Die Rückzahlung aller Kredite hätte in der Tat die Auflösung aller
Einlagen zur Folge. Selbst das Zentralbankgeld würde sich in Luft auslösen,
wenn die Regierung ihre Schulden zurückzahlen könnte.
Zinsen
Das letzte offensichtliche Merkmal aller offiziellen nationalen Währungen sind die
Zinsen. Wieder glauben wir, daß Zinsen irgendwie naturgemäß
dazugehören, und vergessen dabei, daß dies die meiste Zeit in der
Geschichte ganz und gar nicht der Fall war. Alle drei »Offenbarungsreligionen«
haben den »Wucher« nachdrücklich verdammt, und Wucher bedeutete jede
Form, Zinsen auf Geld einzustreichen. Nur islamische Religionslehrer halten bis heute an
diesem Grundsatz fest. Bisweilen gerät in Vergessenheit, daß die katholische Kirche
beispielsweise bis ins 19. Jahrhundert an vorderster Front gegen die »Sünde des
Wuchers« -kämpfte.
Die folgende Geschichte aus Australien veranschaulicht, wie Zinsen in den Stoff
unseres Geldes hineinverwoben sind und wie sie den Wettbewerb zwischen den Menschen
stimulieren, die mit einer Zinsen enthaltenden Währung umgehen.
Das elfte Lederstück
Es war einmal ein kleines Dorf im australischen Busch. Dort bezahlten die Menschen alles mit
Naturalien. An jedem Markttag spazierten sie mit Hühnern, Eiern, Schinkenkeulen und
Broten herum und verhandelten lange miteinander über den Tausch der Güter, die
sie brauchten.
In wichtigen Zeiten im Jahr, etwa zur Ernte oder wenn jemand nach einem Unwetter seinen Stall
reparieren mußte, erinnerten sich die Menschen wieder an die Tradition, einander zu helfen,
die sie aus der alten Heimat mitgebracht hatten. Jeder wußte, wenn er einmal in
Schwierigkeiten geraten sollte, würden die anderen ihm helfen.
An einem Markttag tauchte ein Fremder auf. Er trug glänzende schwarze Schuhe und einen
eleganten weißen Hut und beobachtete das Treiben mit einem sardonischen Lächeln.
Beim Anblick eines Farmers, der verzweifelt versuchte, die sechs Hühner einzufangen, die
er gegen einen großen Schinken eintauschen sollte, konnte er sich das Lachen nicht
verkneifen. »Die armen Leute«, stieß er hervor, »wie primitiv sie leben.«
Die Frau des Farmers hörte seine Worte und sprach ihn an. »Meinen Sie, Sie kämen
mit den Hühnern besser zurecht?« fragte sie ihn. Mit den Hühnern nicht«,
erwiderte der Fremde, »aber es gibt einen viel besseren Weg, sich den ganzen Ärger zu
ersparen.« »Ach ja, und wie soll das gehen?« »Sehen Sie den Baum
dort?« sagte der Fremde. »Ich gehe jetzt dorthin und warte, bis einer von euch mir eine
große Kuhhaut bringt. Dann soll jede Familie zu mir kommen. Ich werde euch den
besseren Weg erklären.«
Und so geschah es. Er nahm die Kuhhaut, schnitt gleichmäßige runde Stücke
davon ab und drückte auf jedes Stück einen kunstvoll gearbeiteten, hübschen
kleinen Stempel. Dann gab er jeder Familie ein rundes Stück und erklärte, daß
es den Wert von einem Huhn habe. »Jetzt könnt ihr mit den Lederstücken
Handel treiben anstatt mit den widerspenstigen Hühnern.«
Das leuchtete den Farmern ein. Alle waren sehr beeindruckt von dem Mann mit den glänzenden
Schuhen und dem interessanten Hut. »Ach, übrigens«, meinte er noch, nachdem
jede Familie ihre zehn runden Lederstücke entgegengenommen hatte, »in einem Jahr
komme ich zurück und sitze wieder unter diesem Baum. Ich möchte, daß jeder von
euch mir elf Stücke zurückgibt. Das elfte Stück ist ein Unterpfand der
Wertschätzung für die technische Neuerung, die ich in eurem Leben eingeführt
habe.«
»Aber wo soll das elfte Stück denn herkommen?« fragte der Farmer mit den
sechs Hühnern. »Das werdet ihr schon sehen«, erwiderte der Mann und
lächelte beruhigend.
Angenommen, die Bevölkerungszahl und die Produktion bleiben im folgenden Jahr genau
gleich, was, glauben Sie, wird geschehen? Bedenken Sie, daß das elfte Lederstück gar
nicht abgeschnitten wurde. Darum, so lautet die Schlußfolgerung, muß jede elfte
Familie ihre gesamten Lederstücke verlieren, auch wenn alle gut wirtschaften, den
nur so können die übrigen zehn ihr elftes Stück bekommen.
Als das nächste Mal ein Unwetter die Ernte einer Familie bedrohte, waren die Menschen
nicht so schnell bei der Hand mit dem Angebot, beim Einbringen der Ernte zu helfen.
Zwar war es wirklich sehr viel bequemer, an Markttagen nur die Lederstücke auszutauschen
und nicht die Hühner, aber die neue Sitte hatte die unbeabsichtigte Nebenwirkung,
daß sie die traditionelle spontane Hilfsbereitschaft im Dorf hemmte. Statt dessen entwickelte
das neue Geld einen systembedingten Sog zum Wettbewerb zwischen allen Beteiligten.
Genauso bringt das heutige Währungssystem alle am Wirtschaftsleben Beteiligten in eine
Konkurrenzsituation zueinander. Die Geschichte von den australischen Bauern isoliert
die Rolle des Zinses des elften Lederstücks im Rahmen des Prozesses der
Geldschöpfung und seine Auswirkungen auf die Beteiligten.
5
Das Freigeldexperiment in den 30er Jahren im österreichischen Wörgl sorgte für
einen wirtschaftlichen Aufschwung inmitten der Weltwirtschaftskrise. Freigeld nach Silvio Gesell
wird mit einer Umlaufgebühr versehen, um das Horten des Geldes zu verhindern.
Wenn die Bank Geld schöpft, indem sie Ihnen einen Hypothekenkredit über
100 000 Euro zur Verfügung stellt, schafft sie mit dem Kredit nur das Ausgangskapital.
Sie erwartet nämlich, daß Sie ihr im Laufe der nächsten, sagen wir
einmal, 20 Jahre 200 000 Euro zurückbringen. Wenn Sie das nicht können,
verlieren Sie Ihr Haus. Ihre Bank schafft nicht die Zinsen, sondern sie schickt Sie hinaus
in die Welt in den Kampf gegen alle anderen, damit Sie am Schluß die zweiten
100 000 Euro mitbringen. Weil alle anderen Banken genau das gleiche tun, verlangt
das System, daß einige der Beteiligten bankrott gehen, denn anders kommen Sie
nicht zu den zweiten 100 000 Euro.
Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Wenn Sie der Bank Zinsen auf Ihr Darlehen
zahlen, brauchen Sie das Ausgangskapital von jemand anderem auf.
Mit anderen Worten: Der Mechanismus, mit dem die für die Giralgeldschöpfung
unverzichtbare Knappheit erzeugt wird, bedingt, daß die Menschen miteinander um das
Geld konkurrieren, das noch nicht geschaffen wurde, und bestraft sie im Falle
des Mißerfolgs mit dem Bankrott.
Wir verfolgen die Zinspolitik der Zentralbanken mit Interesse, und das ist einer der
Gründe dafür. Wenn die Zinsen angehoben werden, verursacht das
zusätzliche Kosten, und dies wiederum führt unweigerlich zu einem Anstieg
der Konkurse in der nächsten Zukunft. Damit kehren wir zu den Zeiten zurück,
als die Hohepriester entschieden, ob die Götter mit dem Opfer von nur einer Ziege
zufrieden wären oder ob sie statt dessen den erstgeborenen Sohn verlangen
würden. Weiter unten auf dem Totempfahl, wenn Ihre Bank Ihre Kreditwürdigkeit
überprüft, checkt sie in Wirklichkeit, ob Sie in der Lage sind, mit den anderen
Spielern zu konkurrieren und gegen sie zu gewinnen, d.h. etwas aus ihnen herauszupressen,
was gar nie geschaffen wurde.
Zusammenfassend halten wir fest, daß das moderne Währungssystem uns dazu
zwingt, uns kollektiv zu verschulden und mit anderen in der Gemeinschaft zu konkurrieren,
damit wir die Mittel erhalten, die Austausch zwischen uns ermöglichen. Kein Wunder,
daß die Welt hart ist und daß Darwins Erkenntnis vom »Überleben
des Stärksten« im England des 18. Jahrhunderts bereitwillig als offensichtliche
Wahrheit akzeptiert wurde, genau wie bis heute alle Gesellschaften fraglos die Prämissen
ihres Währungssystems akzeptiert haben und wir es heute tun. Glücklicherweise
haben wir heute reichlich Belege, die für eine weniger strenge Definition der
»natürlichen Welt« sprechen.
Und heute?
»Ich denke, wir haben allen Grund zu glauben, daß das Zeitalter der Moderne
zu Ende ist. Heute deutet vieles darauf hin, daß wir uns in einem Übergangsstadium
befinden, in dem offensichtlich etwas verschwindet und etwas anderes unter Schmerzen
entsteht. Es ist, als ob etwas bröckelt, zerfällt und sich selbst erschöpft,
während sich etwas anderes, noch Unbestimmtes aus den Trümmern
hebt.« Worauf könnte sich Václav Havel, der Präsident der
Tschechischen Republik, in seiner Äußerung bei der Verleihung der
Freiheitsmedaille am 4. Juli 1994 in Philadelphia bezogen haben?
Normalerweise kann man sich bei der Beschäftigung mit solchen tiefgreifenden
Paradigmawechseln nur auf Ahnungen und Anekdoten verlassen. Ein Experte zu diesem
Thema meint sogar: »Wenn Sie Paradigmapioniere dazu auffordern, ihre
Entscheidung für einen Paradigmawechsel zu rechtfertigen, können sie das
nicht mit Zahlen machen. Denn es existieren keine Zahlen.«6
Für unser Thema trifft das aber nicht zu, denn zumindest von einem wichtigen Land liegen
uns Zahlen vor: Die größte aktuelle Umfrage zum Wertewandel in Amerika wurde
1995 von Paul Ray und der American Lives Inc. durchgeführt. Es gibt jedoch Hinweise
darauf, daß sich diese Entwicklung in der gesamten westlichen Welt vollzieht, vermutlich
geschieht sie sogar global. Auf der Grundlage von Umfrageergebnissen bei 100000
Amerikanern und 500 Zielgruppen ließen sich in den USA drei verschiedene
»Subkulturen« identifizieren: die sog. »Traditionalisten« die
»Modernisten« und die »kulturell Kreativen«.7
Die Traditionalisten
Traditionalisten sind, wie Paul Ray und Sherry Ruth Anderson beobachtet haben, in erster Linie
die »religiös Konservativen«. »Nachdem wir zahlreiche Diskussionen
in Zielgruppen angehört hatten, kristallisierte sich allmählich heraus, daß es
eine traditionalistische Denkart gibt … Der amerikanische Traditionalismus beinhaltet auch den
Wunsch nach Vereinfachung, traditionellen Sicherheiten, einem weniger hohen Entwicklungsstand
und weniger Säkularismus, nach einer religiösen Monokultur sowie nach nationaler
und ethnischer Einheit … Traditionalisten glauben an die Wiederkehr der Kleinstadt und der
Religion in Amerika, an ein nostalgisches Bild aus der Zeit von 1890 bis 1930 … Zum Schatten
des Traditionalismus gehören die radikalen Gruppen und der ultrarechte Flügel.«8
Diagramm 1: Prozentzahlen und Weltbild der drei Subkulturen (nach Paul Ray)
»Die Traditionalisten werden anhand ihrer traditionellen und konservativen Werte und
Vorstellungen identifiziert. Sie sind im Durchschnitt älter und weniger gebildet als
die Modernisten oder kulturell Kreativen … Diese familienorientierte Gruppe fällt am
leichtesten auf politische Lehren religiöser Führer herein. Im Laufe der Zeit geht
ihre Anzahl eher zurück: Ihr Durchschnittsalter liegt derzeit bei 53 Jahren, außerdem
sterben die Traditionalisten schneller, als sie durch jüngere Leute ›ersetzt‹ werden.«9
Bis von kurzem gab es neben den Traditionalisten - deren Anteil an der US-amerikanischen
Bevölkerung etwa 24 Prozent ausmacht, wobei ihre Bedeutung seit dem Zweiten
Weltkrieg zurückgeht - nur noch eine weitere Gruppe: die sog. Modernisten.
Die Modernisten
Praktisch alle Menschen des westlichen Kulturkreises sind der
»modernistischen« Weltsicht ausgesetzt. Sie ist so durchdringend,
daß die Modernisten die einzigen sind, die mit der Idee durchkommen, ihre
Haltung sei keine Weltanschauung von mehreren. Einige glauben vielmehr immer noch,
daß sie »die Weit so sehen, wie sie wirklich ist«. Diese Einstellung
prägte das industrielle Zeitalter und dominiert nach wie vor in der westlichen Welt.
Mit 47 Prozent (88 Millionen Erwachsene) stellen die Modernisten in der US-amerikanischen
Bevölkerung noch immer den größten Anteil. Dieser geht zwar mit der Zeit
allmählich zurück, doch ihre modernistische Weltsicht wird weiterhin von den
Massenmedien wiedergegeben.
Der Modernismus entwickelte sich als Reaktion auf die »traditionalistischen«
Gesellschaften in Ablehnung des vom Glauben bestimmten Weltbildes, das im ausgehenden
Mittelalter fast die einzige Weltanschauung darstellte. Als »modern«
(synonym mit »hochentwickelt, fortschrittlich, urban und/oder unvermeidlich« verwendet)
gelten somit Werte, Technologien und Vorstellungen, die im Gegensatz zu den
»rückständigen«, »unterentwickelten« Gesellschaften
früherer Zeiten stehen.
Die Sichtweise der Modernisten kommt in zwei verschiedenen Bereichen zum Tragen:
- Auf persönlicher Ebene: Modernisten schätzen im allgemeinen universelle
Normen und Säkularität (im Gegensatz zu Provinzialismus und religiösen
Dogmen). Dennoch praktizieren viele einen orthodoxen Glauben (40 Prozent). Bei ihnen
genießen persönliche Freiheit und eigene Leistungen oberste Priorität,
außerdem schätzen sie den finanziellen Materialismus (82 Prozent). Ihre
Werte konzentrieren sich auf persönlichen Erfolg, Konsum, Materialismus und
technische Rationalität.
- Auf kollektiver Ebene. Hinsichtlich Management und Technik glauben die Modernisten
an Praktiken aus dem Industriezeitalter, darunter auch an die traditionellen Wirtschaftswissenschaften.
Sie sind der Ansicht, daß sich die Technik letztlich gegenüber den negativen
Konsequenzen bestehender Verfahren durchsetzen wird. Meist werden die negativen
Folgen (Umweltschäden, gesellschaftliche Verwerfungen) heruntergespieIt. Politisch
können die Modernisten rechts oder links, stehen, Liberale oder Konservative sein.
Ihr konservativer Flügel teilt beispielsweise mit den religiösen Fundamentalisten
die Ansicht, daß Frauen nicht im Berufsleben stehen sollten.
Die kulturell Kreativen
»Die Bezeichnung ›kulturell Kreative‹ stammt daher, daß sie die neuesten Ideen
in der amerikanischen Kultur haben und an der Spitze des kulturellen Wandels
stehen.«10 Diese letzte Subkultur ist gerade erst im Entstehen begriffen,
weswegen die Werte, die diese Weltsicht tragen, sich vor 20 Jahren statistisch noch gar nicht
erfassen ließen. Heute treten etwa 29 Prozent der amerikanischen Bevölkerung
(d. h. 52 Millionen Erwachsene) für das »transmoderne« Denken ein.
Diagramm 2: Zeitliche Entwicklung der drei Subkulturen (Millionen Erwachsene, USA, 1965-2000)
Die kulturell Kreativen sind in fast allen Regionen der USA vertreten. Sie zählen zur mittleren
bis oberen Mittelklasse (46 Prozent gehören zum oberen Einkommensviertel der
Bevölkerung). Das Alter der kulturell Kreativen beträgt im Mittel 42 Jahre. Mit
einem Anteil von 30 Prozent College-Absolventen verfügen sie über eine
bessere Ausbildung als alle anderen Subkulturen. Die Geschlechtsverteilung liegt bei
40 Prozent Männern und 60 Prozent Frauen.
So wie die Sichtweise der Modernisten als Reaktion auf eine in ihren Augen zu Vereinfachungen
und Exzessen neigenden Weltsicht des Spätmittelalters entstand, bildete sich die
Subkultur der kulturell Kreativen als Reaktion auf die Blindheit und Übertreibungen
der modernistischen Tradition.
Doch wenden wir uns nun dem Wertesystem der kulturell Kreativen auf persönlicher
und kollektiver Ebene zu:
- Auf persönlicher Ebene besteht ihr Hauptanliegen in der Selbstverwirklichung;
d. h., ihnen liegt mehr an inneren Werten und innerem Wachstum als an äußerem
sozialem Prestige. Sie sind »an der Welt« interessiert (85 Prozent sind
Fremdem gegenüber aufgeschlossen). Bei persönlichen Beziehungen ist
die Qualität für sie entscheidend (diese Ansicht vertreten 76 Prozent, bei
den Modernisten 49 Prozent und bei den Traditionalisten 65 Prozent). Außerdem sind
sie meist besser informiert als die Gesellschaft an sich.
- Auf der kollektiven Ebene gilt die Sorge der kulturell Kreativen dem Zerfall des
Gemeinsinns und der Umwelt. (92 Prozent wollen den Gemeinsinn wieder stärken;
87 Prozent glauben an einen ökologisch nachhaltigen Umgang mit der Umwelt.)
Sie werden von Paul Ray als »altruistischer« als jede andere Gruppe
eingestuft und erklärten sich zu persönlichen Opfern bereit (84 Prozent sind
altruistisch, bei den Modernisten 51 Prozent und bei den Traditionalisten 55 Prozent).
Sie wollen sogar persönlich die Initiative für eine Gesellschaft ergreifen, an
die sie glauben (45 Prozent mochten sich »engagieren« [im Vergleich zu
mageren 29 Prozent bei den Modernisten und 34 Prozent bei den Traditionalisten]). Erfolg
ist den kulturell Kreativen nicht so wichtig (70 Prozent), sie legen größeren Wert
auf ihre Freizeit. Frauen im Beruf werden als selbstverständlich betrachtet (69 Prozent).
Die kulturell Kreativen sehen die Zukunft außerdem etwas optimistischer als die
anderen (35 Prozent gegenüber 24 Prozent bei den Modernisten und 26 Prozent bei
den Traditionalisten).
Bedeutungsvoll ist auch, was die kulturell Kreativen ablehnen: die Intoleranz der
religiösen Rechten, den gedankenlosen Hedonismus der kommerziellen Medien
heute und die gedankenlose Umweltzerstörung im Namen des Big Business.
Die Zahl der kulturell Kreativen, die binnen einer Generation scheinbar aus dem Nichts
aufgetaucht sind, ist erstaunlich. Auch Menschen, die zu dieser Subkultur gehören,
betrachten sich selbst als isolierte Ausnahmen. Der Eindruck von Isolation entsteht aus
zwei Gründen Es gibt erstens keine Organisation, Partei, religiöse
Massenbewegung oder dergleichen, mit der man sie in Verbindung bringen kann.
Zweitens werden sie von den Medien nicht beachtet, die sich fast ausschließlich
immer noch mit dem modernistischen Standpunkt befassen.
Als der Modernismus aufkam, wußten die »Modernisierenden« sehr gut,
daß sie eine Bewegung verkörperten, Die »Medien« der damaligen
Zeit verfolgten beispielsweise jeden Schritt von Erasmus von Rotterdam. Dabei machten sie
nur 1 oder 2 Prozent der damaligen Bevölkerung aus - im Gegensatz zu den 24 Prozent,
die die integrative Subkultur bereits heute umfaßt. Wenn die soziopolitische Realität
dieser Entwicklung also eines Tages in Erscheinung tritt, müssen wir mit deutlich schnelleren
Veränderungen rechnen als beim Modernismus. Genau das geschieht bereits heute,
wenn man Václav Havel glaubt (s. oben).
Ray unterscheidet bei den kulturell Kreativen zwei Typen: die »grünen«
kulturell Kreativen und den sog. »harten Kern«, den ich lieber als »integrierte«
bzw. »integrative« kulturell Kreative bezeichnen möchte.
- Die grünen kulturell Kreativen (16 Prozent oder 28 Millionen Erwachsene
in der amerikanischen Bevölkerung) befassen sich mit der Umwelt und sozialen
Aspekten aus weltlicher Sicht. Sie treten häufig aktiv in der Öffentlichkeit auf.
Sie konzentrieren sich auf die Lösung der Probleme ihrer Umwelt und sind weniger
an der Entwicklung ihrer Persönlichkeit interessiert. Sie gehören meist der Mittelklasse an.
- Die integrierten bzw. integrativen kulturell Kreativen (nach Rays Untersuchung 13 Prozent oder
24 Millionen Amerikaner) sind sowohl an der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit
als auch am Umweltschutz interessiert. Typische Vertreter dieser Gruppe beschäftigen
sich ernsthaft mit Psychologie, dem spirituellen Leben, der Selbstverwirklichung und
Selbstdarstellung. Sie probieren gern neue Ideen aus, sind sozial engagiert,
beschäftigen sich mit der Emanzipation der Frau und/oder dem Umweltschutz.
Sie zählen in der Regel zur oberen Mittelklasse. Das Verhältnis
männlich zu weiblich liegt bei 33 zu 67, es sind also doppelt so viele Frauen
wie Männer.
»Mit der Entstehung der kulturell Kreativen ist die Heilung alter Risse verbunden: zwischen
Innerem und Äußerem, Spirituellem und Materiellem, dem einzelnen und der
Gesellschaft. Die Möglichkeit einer neuen Kultur kreist um die Wiedereingliederung
dessen, was der Modernismus zerschlug: die Integration des Selbst und Authentizität,
die Einbeziehung der Gemeinschaft und die Verbindung zu anderen nicht nur daheim,
sondern auf der ganzen Welt; die Verbundenheit mit der Natur und das Lernen, Ökologie
und Ökonomie zu integrieren, und eine Synthese verschiedener Ansichten und
Traditionen.«
11
Genau diese Eigenschaften wurden von Gebser mit seiner integrativen
Bewußtseinsstruktur vorhergesehen. Wir können daher den Schluß ziehen,
daß die Gesellschaft, die die kulturell Kreativen unbemerkt und unangekündigt
schaffen, eine integrative Kultur ist.
Für die globale oder zumindest europäische Entwicklung gibt es keine
Untersuchung, die sich mit der von Paul Ray vergleichen ließe. Allerdings
verwendete das Generalsekretariat der Europäischen Union Rays Fragebogen
zur Erkennung kulturell Kreativer in ihrer monatlich erscheinenden Umfrage im
Euro-Barometer, die bei allen 15 Mitgliedsländern durchgeführt wird
(800 Interviews pro Land). Zur allgemeinen Überraschung fand man heraus,
daß der Anteil der kulturell Kreativen an der Bevölkerung mindestens
so hoch wie in den USA ist.
Duane Elgin sammelte auf der ganzen Welt Daten zu diesem Thema. Er kommt zu dem
Schluß: »Insgesamt betrachtet, deuten die Trends darauf hin, daß sich
ein weltweiter Wertewandel vollzieht.«
12 Die Weltbevölkerung
ist in der Entwicklung zu einer integrativen Gesellschaft den Staatsoberhäuptern
und Medien überall voraus. Dieser Trend prägt sich bemerkenswerterweise
in den Entwicklungsländern fast genauso stark aus wie in den Industrienationen.
Elgin verweist auf einen weiteren interessanten und bisher meist vernachlässigten Beleg
für integrative Werte: die zunehmende Hinwendung zu einer ganzheitlichen Heilkunde
und die Abkehr von der konventionellen Schulmedizin der Modernisten. Und nach einem
Artikel in der Zeitschrift Time ist bei Ärzten in Europa der Trend zu ergänzenden
alternativen Behandlungsmethoden »enorm«.
13
Jede dieser Veränderungen wird für sich genommen häufig als
»Marotte« oder kurzlebiger Modetrend gesehen. Wenn man sie jedoch als
Gesamterscheinung betrachtet, läßt sich daran ein allgemeiner Wertewandel
hin zu einer integrativen Kultur ablesen. Am erstaunlichsten sind auch hier wieder die
Unauffälligkeit, die Geschwindigkeit und das Ausmaß des Wandels.
Diagramm 2 zeigt die zeitliche Entwicklung der drei Kulturen und Diagramm 1 fasst ihre
wichtigsten Eigenschaften und ihren Anteil an der amerikanischen Bevölkerung
im Jahr 1995 schematisch zusammen.
Es können zusammenfassend drei Gebiete identifiziert werden, für die bereits
Methoden und Ansätze zur Schaffung einer Welt des nachhaltigen Wohlstandes vorhanden sind:
- Informationstechnologien zugänglich machen: Die technologische Revolution, die
bereits auf dem besten Wege ist, bietet für eine wachsende Zahl von Menschen
beispiellose Wachstumsmöglichkeiten im Bereich des Wissens.
- Neue Geldsysteme kreieren: Eine Währung ist nicht mehr als eine
Übereinkunft innerhalb einer Gesellschaft, etwas als Tauschmittel zu verwenden.
- Dafür sorgen, daß die kulturell Kreativen sich ihrer Zahl und ihrer Rolle
bewußt werden: Dies ist eine »Subkultur«, die Wertmaßstäbe
für den nächsten Entwicklungsschub der Zivilisation erschafft.
Diese drei Phänomene könnten gemeinsam unsere Welt revolutionieren.
Eine Synergie zwischen ihnen hat das Potential, uns in eine neues Weltsystem hinein zu
katapultieren, in dem Nachhaltigkeit und Wohlstand gleichzeitig gedeihen können.
Wir haben in der Geschichte viele Veränderungen erlebt, doch unsere Auffassung
von Geld blieb dabei bemerkenswert unberührt. Wenn wir als Gesellschaft an
einen unbekannten Ort reisen wollen, müssen neue Wege erkundet werden.
Die bewußte Wahl der Währungsform, die wir untereinander verwenden
wollen, könnte sich als das mächtigste Werkzeug für die
Übergangsphase erweisen, die wir gerade durchlaufen. Die Mittel sind also
vorhanden, was Sie nun damit machen wollen, hängt von Ihrer
Kreativität und Arbeit ab:
Unser Geld ist unser Spiegel.
Es kann mehr als nur unsere Schatten widerspiegeln.
Es ist ein Spiegel unserer Seele.
Anmerkungen:
1 Committee on the Working of the Monetary System: Report, London 1959, Paragraph 345, S.117.
2 Jackson und McConnell: Economics, Sydney 1988
3 Hierunter fallen die Tauschringe und Gemeinschaftswährungen wie Talente, Time Dollars, LETS, Curitiba,
Tlaloc, ROCS, usw. oder auch das Freigeldexperiment in Wörgl mit dem Tauschwert
"Wära". Siehe Bernard Lietaer: Das Geld der Zukunft, S. 260 ff., insbesondere S. 353-357,
München 1999
4 Galbraith, John Kenneth: Geld. Woher es kommt, wohin es geht, München 1976, S. 39
5 Die Geschichte vom elften Lederstück ist eine vereinfachte Darstellung für Nichtökonomen,
bei der die Auswirkungen von Zinsen auf das Geldsystem beleuchtet werden. Um diese Variable zu isolieren,
habe ich eine Gesellschaft ohne Wachstum angenommen: kein Bevölkerungswachstum, kein Wachstum der Produktion
und der Geldmenge. In der Praxis wachsen diese Variablen im Laufe der Zeit natürlich an
und verschleiern die Wirkung der Zinsen. Der springende Punkt bei der Geschichte ist der, daß - wenn alle anderen
Faktoren gleichbleiben - die Konkurrenz, um das Geld zu bekommen, mit dem die Zinsen bezahlt werden können,
dem Währungssystem strukturell inhärent ist.
6 Barker, Joel: Paradigms: The Business of Discovering the Future, New York 1993
7 Vgl. dazu Lietaer: Das Geld der Zukunft, a.a.O., S. 410-417 sowie Lietaer: Mysterium Geld, München
2000, S. 283-292
8 Ray, Paul u. Anderson, Sherry Ruth: The Culturell Creatives, New York 1999, Kapitel 1, S. 11f.
9 Ray, Paul: "The Emerging Culture", in: American Demographics, Ithaca, 1997, S. 5
10 Ray, Paul: The Integral Culture Survey: A Study of Emergence of Transformational Value in America,
Forschung finanziert vom Fetzer Institute of Noetic Sciences, 1996, S. 5
11 Ray, Paul u. Anderson, Sherry Ruth: The Cultural Creatives, a.a.O., S. 36
12 Elgin, Duane u. LeDrew, Coleen: Global Paradigme Change: Is a Shift Underway?, San Fransisco, State World Forum, 2. bis 6.10.1996,
S. 20
13 Langone, John: "Alternative Therapies Challenging Mainstream", in: Time, Sonderheft Herbst 1998,
S. 40